logo

Suche:

Geschichtliches von Wendezelle
von Rolf Ahlers



In der norddeutschen Tiefebene - genauer: zwischen dem Harzvorland und der Lüneburger Heide - liegt der lebens- und erlebenswerte Ort Wendezelle.

Die hier vor mehr als hunderttausend endgültig abgeschmolzenen Eismassen der Eiszeiten hinterließen eine fast völlig ebene Gestaltung der Erdoberfläche. Jedoch mag die am westlichen Ortsrand entlang fließende Aue mit ihrem damaligen Fischreichtum ein würdiger Punkt für die Ansiedlung der ersten Jäger und Fischer gewesen sein.
Als Siedlungskern des Ortes - als Rundling - ist auch heute noch der Wendezeller Ring mit den umgebenden Hausgrundstücken deutlich erkennbar. Der Rundling war damals eine bevorzugte Siedlungsform in Grenzgebieten, Wendezelle ist der westlichste nachgewiesene Rundling.

Heute ist die Aue ein Fluß ohne Quelle und ohne Mündung. Das Quellgebiet befand sich auf dem Gelände des heutigen Schienenfahrzeugherstellers in Salzgitter-Watenstedt; mehrere große Industriebetriebe in Salzgitter liefern heute die wesentlichen Wassermengen der Aue. Eine Mündung hat die (früher: herzoglich braunschweigische) Aue deshalb nicht, weil sie durch Namensänderung zwischen Harvesse und Wense zur (früher: königlich hannoverschen) Erse wird.

Im Wesentlichen lebte die Bevölkerung über viele Jahrhunderte hinweg jedoch von den Erträgen aus der Landwirtschaft. Von den örtlichen Handwerksbetrieben, die sich seit etwa 1850 entwickelten, betätigten sich mehrere bis in die 1960er Jahre hinein mit Landwirtschaft. Viele früher als Vollerwerb betriebene Landwirtschaften liefen als Nebenerwerbsbetrieb weiter, wenn der Betriebsinhaber eine andere Haupttätigkeit aufnahm. Von den noch um 1950 wohl auf jedem Hausgrundstück vorhandenen Nutztierhaltungen - Pferde, Rindvieh (Kühe, Bullen, Ochsen), Schweine, Ziegen und Federvieh (Hühner, Enten, Gänse) - ist heute lediglich wenig übriggeblieben.

Vier große Änderungen betrafen ab 1895 die Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Nutzflächen.


  • Der bereits 1913 begonnene Eisenbahn-Bau Braunschweig-Plockhorst(-Celle) wurde erst 1923 fertiggestellt. Anschließend erweiterte sich die Bebauung des Ortes nach Osten bis unmittelbar an die Bahnlinie heran. Die Bevölkerung nahm die Angebote des Personenverkehrs (mit Sonderzügen bis 1994) und des Güterverkehrs (schon vorher beendet) gern in Anspruch.

  • Mehrere Verbesserungen ergaben sich - neben den Landverlusten - durch den von 1926 bis 1933 im Abschnitt Peine-Braunschweig gebauten Mittellandkanal. Während der Bauzeit standen viele Dorfbewohner dort in Arbeit. Weit südlich des Ortes durchschneidet der Mittellandkanal die Feldmark. Für die Landwirtschaft ergab sich eine ertragssteigernde Wirkung durch die Umwandlung von früheren nassen Wiesen zu gutem Ackerland.

  • Mit dem Bau der Autobahn A2 Berlin-Ruhrgebiet wurde die Feldmark im nördlichen Bereich durchschnitten. Im Frühjahr 1934 begonnen, fand die Inbetriebnahme des hiesigen Abschnittes (Braunschweig/B214-Lehrte) am 05.04.1936 als drittes Autobahnstück in Deutschland statt.

Eine Besonderheit in Bezug auf die Lage des Ortes ist durch die "Insellage" gegeben. Wendezelle ist mit drei Straßen, nach Norden, Süden und Westen, sowie mit einem Weg, nach Osten, mit der "Außenwelt" verbunden. In oder aus welcher Himmelsrichtung auch immer die Reise geht, jedesmal ist ein Gewässer zu überqueren! Auf Plattdeutsch: "Et geiht ober't Water." (= Es geht übers Wasser.)

Für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr seit 1873 zu jeder Tages- und Nachtzeit während jeder Jahreszeit, bei Feuer oder anderen Einsatzfällen. In der 1998 aufgestellten Jugendfeuerwehr erleben Mädchen und Jungen sehr viel Interessantes, in Wettkämpfen beweisen sie erlernten Fähigkeiten.

Das sehr aktive Vereinsleben des Ortes enthält sehr viele Angebote für all und jede/n. Die Junge Gesellschaft, seit 1840 nachgewiesen, ist der Ursprung des örtlichen Vereinslebens. Durch die Junge Gesellschaft und durch die Kyffhäuserkameradschaft - seit 1884 -, den Turn- und Sportverein - seit 1896 -, den gemeinschaftlichen Chorgesang (heute: Gemischter Chor) - seit 1908 - und den Seniorenkreis - seit 1969 - finden viele kulturelle Veranstaltungen statt. Immer wieder zur Freude der Bevölkerung.

Am 19.04.1380 - als Eintragung im "Braunschweigischen Fehdebuch" - wurde Wendezelle erstmals urkundlich erwähnt. Dies war der Anlaß, um im Sommer 1980 das Ortsjubiläum "600 Jahre Wendezelle" im großen Stil zu feiern. Zur Erinnerung an das Ortsjubiläum wurde 1981 das "Kreuz vor Wendezelle" auf dem historischen Gerichtsplatz errichtet. Die Schützenfestgemeinschaft - als Arbeitsgemeinschaft von Feuerwehr, Junger Gesellschaft, Kyffhäuserkameradschaft, Turn- und Sportverein und Gemischtem Chor - veranstaltete die schöne Jubiläumsfeier.
Zum Aufgabenbereich der Schützenfestgemeinschaft gehört:
  • Das jährlich - am zweiten Wochenende im Juli - veranstaltete Schützenfest.
  • Der jährlich - am ersten Sonnabend im November - veranstaltete Königsball.
  • Der jährlich - am Dienstag in der vollen Woche nach dem Dreikönigstag (6. Januar) - veranstaltete Denkmalstag.


Über Jahrhunderte war Wendezelle eine eigenständige Gemeinde. Freiwillig schlossen sich jedoch die drei Gemeinden (= "drei Dörfer") Wendeburg, Wendezelle und Zweidorf am 01.07.1968 zur größeren Gemeinde Wendeburg zusammen, der heutigen Ortschaft Wendeburg. Denn infolge der in Niedersachsen durchgeführten Gebiets- und Verwaltungsreform wurde zum 01.03.1974 die noch größere Gemeinde Wendeburg gebildet. Sie besteht aus den Ortschaften Wendeburg, Bortfeld, Harvesse, Meerdorf, Neubrück, Rüper, Sophiental und Wense.
Gegenwärtig plant die Gemeinde eine Ausweitung der Bebauung nach Süden hin. Hauptbestandteil wird die Auslagerung des Einkaufsmarktes bei gleichzeitiger Vergrößerung zu einem Einkaufszentrum sein. Das zusätzlich vorgesehene Gewerbegebiet dient zur Auslagerung und Neuansiedlung von Betrieben. Damit werden - neben dem Wohngebiet - Arbeitsplätze gesichert bzw. auch weitere neu geschaffen.

Unser Wappen:
Im blauen Schild erhebt sich eine gelbe Linde aus dem gelben Ring, vorn und hinten von gelben Ähren beseitet. Der Ring steht für die ursprüngliche und noch heute erkennbare Siedlungsform des Rundlingsdorfes. Die Gerichtbarkeit, für die Bereiche innerhalb und außerhalb des Ortes, wird mit der Linde angezeigt. Die Ähren weisen auf die Landwirtschaft hin. Mit der Farbgebung blau und gelb ist die jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Braunschweiger Land beschrieben.

Wendezelle ist einmalig,
und zwar beispielsweise
  • als westlichster Rundling (ursprüngliche Siedlungsform),
  • mit viermaliger starker Flächen-Beeinflussung der Feldmark (durch Rieselfeld, Eisenbahn, Mittellandkanal und Autobahn),
  • durch die "Insellage" (immer übers Wasser),
  • mit der Aue (ohne Quelle, ohne Mündung) und
  • kein anderer Ort trägt diesen Namen.